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Warum heute noch ein Dritte Welt Laden?

Aufteilung 1./2./3. Welt

Viele ehemalige Dritte Welt Läden haben sich vom Begriff der Dritten Welt verabschiedet. Sie nennen sich jetzt Weltladen, Eine Welt Laden oder ähnlich, auch wenn sie weiter nur Waren aus bestimmten Regionen der Welt anbieten. Aber was verbirgt sich wirklich hinter dem Begriff der "Dritten Welt" und warum wird er heute kaum noch benutzt?

Der Begriff "Dritte Welt" entstand in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, in der sich die Welt zunächst in zwei große Blöcke aufteilte. Die kapitalistischen Länder mit freier Marktwirtschaft unter Führung der Vereinigten Staaten von Amerika (Erste Welt) und die sozialistische Länder unter Führung der Sowjetunion (Zweite Welt). Alle Länder, die sich nicht einem dieser Blöcke zuordnen ließen, wurden als Länder der Dritten Welt bezeichnet.

Aber anders, als von vielen vermutet, war der Begriff Dritte Welt nie im Sinne einer Reihenfolge von Erstens, Zweitens und dann auch noch die Dritten gemeint, ganz im Gegenteil!

Der Begriff der "Dritten Welt" wurde erstmals von dem französischen Bevölkerungsforscher Alfred Sauvy 1952 benutzt. Dabei verwendete er in seinem Artikel im "L'observateur" vom 14. August den Begriff "tiers monde" und nicht "troisiéme monde". Damit bezog er sich bewußt auf die Französische Revolution und den Dritten Stand (tiers état). 1789 hatte Sieyes in seiner berühmten Flugschrift auch für das Bürgertum (den "Dritten Stand") Rechte neben Adel und Klerus verlangt mit den Worten: "Was ist der Dritte Stand? Alles. Was ist er bis jetzt in der politischen Ordnung gewesen? Nichts. Was verlangt er? Etwas zu sein."

In einer ähnlichen Rolle sah Sauvy die Menschen in den Ländern Afrikas, Asiens, Ozeaniens und Lateinamerikas. Gemeinsam haben diese Regionen ihre Geschichte mit der "Entdeckung" und Kolonisation von Europa aus. Bis zum Ende des zweiten Weltkriegs waren die meisten Länder (Ausnahme: Lateinamerika) europäische Kolonien und die Produkte von dort Kolonialwaren, die in Kolonialwarenläden verkauft wurden.

Nach dem zweiten Weltkrieg begann die Phase der Entkolonialisierung und der Bildung unabhängiger Staaten, die um 1960 ihren Höhepunkt erreichte.
Nachdem der Begriff der Kolonie nicht mehr zutraf, wurden diese Länder Afrikas, Asiens und Lateinamerikas als "unterentwickelte Länder" bezeichnet. Im englischen Sprachraum ist die Bezeichnung als "underdeveloped countries" auch heute durchaus noch üblich.

Nachdem dieser Begriff im deutschen Sprachraum sicherlich zurecht als diskriminierend erkannt wurde, wurde der Begriff der Entwicklungsländer gebräuchlich, der die diskriminierende Beschreibung des ist-Zustandes durch den weniger diskriminierenden Begriff der Perspektive ersetzte. Offen bleibt in der Regel die Frage, was denn das Ziel der Entwicklung darstellt und ab wann ein Land als entwickelt gelten kann. Dabei vermischten sich in der bundesdeutschen Diskussion immer wieder die Begriffe.

Aus der Sicht unseres Ladens ist die Diskussion über die richtige (d. h. politisch korrekte) Bezeichnung eine sehr deutsche Stellvertreterdiskussion, oft von wenig Sachkenntnis getrübt. Bezeichnungen wie Erste, Zweite und Dritte Welt sind sicher historisch überholt. Allerdings war mit der Bezeichnung "Dritte Welt" nie eine abwertende Rangfolge sondern das genaue Gegenteil gemeint. Deshalb wollen wir als Dritte-Welt-Laden Spandau bewußt bei der Bezeichnung im Sinne Alfred Sauvys bleiben. Jedenfalls so lange, bis sich die Situation der Menschen in Afrika, Asien und Lateinamerika wirklich grundlegend verbessert hat. An dieser Utopie arbeiten wir, mit Ihrer Hilfe, Tag für Tag.

Mehr zur Geschichte der Weltläden:
 Wikipedia-Eintrag zu Weltladen

 
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